Digitale Daten als Identitätsgerüst???

Mir ist vor einiger Zeit etwas Schlimmes passiert: Von einer Sekunde auf die andere ist meine externe Festplatte kaputtgegangen. Schlimm war das, weil ich auf dieser Festplatte ALLE Daten archiviert hatte, die ich für meine aktuelle Arbeit nicht brauche. Zum Beispiel die Fotos der Familie. Schockschwere Not! Seitdem man Fotos nicht mehr auf altmodischen Filmen aufnimmt, sie entwickeln lässt und in Kartons oder Fotoalben aufbewahrt, sind da einige zigtausend zusammenkommen. Auch Buchprojekte mit allen ihren Zwischenspeicherschritten waren weg. Puff. Und noch vieles andere mehr.

Natürlich war ich nicht so naiv und hatte alles nur auf dieser Festplatte. Doch der Computer, auf dem ich ebenfalls ein Backup meines Archivs hatte, hat sich zeitgleich entschlossen, sich nicht mehr starten zu lassen und jeden Zugriff auf die Festplatte zu verweigern. Endless Loop. Festplattendefekt. Ernsthaft?!

Und weil ich Clouds aus Datenschutzgründen ablehne, ebenso wie meine privaten Daten an irgendeine Datenrettungsfirma zu schicken, die für viele hundert Euro VIELLEICHT einen Teil davon wiederherstellen kann, sieht es so aus, als wären viele der Daten wirklich unwiderruflich fort. Und damit auch ein Teil meiner Geschichte. Meiner Identität.

 

Ist das wirklich so???

 

Nun, es hat ja alles immer zwei Seiten. Die positive Seite an dieser kleinen Katastrophe war, dass sie mir bewusst machte, wie stark wir heutzutage das Gefühl von Identität mit digital gespeicherten Daten verknüpfen. Und genau das begann ich in Frage zu stellen.

Ja, Erinnerungsstücke sind schön. Und dass wir das, was wir nicht in irgendeiner greifbaren Form im Außen fixieren, im Innen echt leicht verlieren, macht sie auch wichtig. An wie vieles erinnert man sich nur, weil man ein Foto davon sieht oder weil jemand davon erzählt? Trotzdem sind sie auch nicht mehr als das: Stücke, die Erinnerungen auslösen, die Brücken zu ihr schlagen. Sie sind nicht die Erinnerung, das Erlebnis selbst. 

 

Dennoch überfiel mich mit dem Verlust der Erinnerungsstücke spontan eine Panik, die sich regelrecht existenziell anfühlte. Als würden meine inneren Erinnerungen weniger echt sein, wenn ich sie nicht äußerlich belegen kann. Als wäre mir ein Teil meines Selbst genommen, ja geradezu amputiert worden.

Als Gegenmaßnahme zwang ich mich, an vergangene Zeiten zu denken, als es diese digitalen Massen an Identitätsbelegen noch gar nicht gab. Als Lebensgeschichten, ja ganze Kulturgeschichten nur in der eigenen Erinnerung und in mündlichen Überlieferungen existierten.

Die Menschen damals waren doch nicht weniger echt oder vollständig als wir heute, oder? So ganz ohne Belege ... Wie hat das funktioniert? Waren die Leben damals nicht so komplex? Hatten die Menschen weniger Erinnerungen, eben weil ihnen die Brücken dazu fehlten? Oder brauchten sie die Brücken gar nicht, weil sie nicht so "digitaldement" waren, wie wir es heute sind?

 

Kennt ihr den Begriff "Digitaldemenenz"? Er steht dafür, dass man sich nur noch wenig selbst merkt, sondern alles digital speichert. Adressen, Telefonnummern, Termine etc. Wir lagern Erinnerungen aus, um unseren Kopf für anderes frei zu haben. Fragt sich nur, was dieses "andere" ist. Häufig doch nichts anderes als die Informationsflut der heutigen Zeiten, die unsere Verarbeitungs- und Speicherkapazitäten fortlaufend  in Anspruch nehmen. Von Arbeitsaufträgen, Memes und Katzenvideos über Schreckens-Eilmeldungen und Influencer-Postings bis zum Pling von Push-Nachrichten für Messages, Mails & Co. - ständig kommt Neues.

 

Und diese Menge an Informationen ist für das Speichen im Innen oder Außen ein entscheidender Unterschied zu früheren Zeiten. Denn je mehr es von etwas gibt, umso weniger wertvoll ist es, umso achtloser geht man damit um, legt es "irgendwo" ab. Früher gab es viel, viel weniger Informationen. Nur das, was man selbst erlebte, hautnah mitbekam. Das machte alles wertvoller; zu Erinnerungsschätzen, die man achtsam und sicher in sich verwahrte. Mal ganz davon abgesehen, gab es auch nur sehr begrenzte und aufwändige Möglichkeiten für die externe Speicherung in Bildern, Schriften oder Ähnlichem. Die waren dann monumental kostbaren Informationen vorbehalten mit dem Ziel, sie über die zeitlichen Grenzen der Identiät hinaus zu bewahren

 

Als Lehre aus meinem Datenverlust schlage ich vor, sich an diesem Damals zu orientieren und sehr viel mehr darauf zu achten, dass das, was  wir unser Gehirn beschäftigen und füllen lassen, auch wertvoll ist.

Wir sollten sorgfältig abwägen, was wir ins digitale Außenlager verschieben und was wir doch lieber im freien, privaten, nicht hackbaren Innen aufbewahren. Denn wie heißt es so schön: Die Gedanken sind frei und deswegen gehört da auch für mich das Gefühl von Identität hin. Frei und unantastbar.

 

22.03.2025

 

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